Vaporwave – Kunst und Kritik im Technokapitalismus

Alexander Roth 15. Februar 2018

Als der britische Musikwissenschaftler, Blogger und Autor Adam Harper sich 2012 in einem Artikel für die Musikwebseite »Dummy« eines zu diesem Zeitpunkt noch weitestgehend unbekannten Internet-Kultur-Phänomens namens Vaporwave theoretisierend annahm, war er sich selbst nicht sicher, ob das, was er da sah und hörte, nun eine subtile Kritik der Lebensverhältnisse im Techno-Kapitalismus oder die Selbstaufgabe an ebenjenes Prinzip der digitalisierten Warenwerdung darstellte. Dementsprechend zögerlich fiel seine Antwort auf die von ihm formulierte Frage »Is it a critique of capitalism or a capitulation to it?« aus; sie lautete folgerichtig indifferent: »Both and neither«. Das, wessen Harper im Laufe seines informierten Kommentars mit philosophisch aufgeladenen Analyse-Topoi wie Aboutness und Akzelerationismus begrifflich habhaft zu werden versuchte, erscheint den Rezipierenden als eine satirische Hommage an eine Zeit, in der Apple noch als Geheimtipp einer Außenseiter-Elite aus technikverliebten Stubengelehrten galt und aufreizend belangloser Synth-Funk-Pop die Aufzüge und Warteschleifen der proto-digitalen Welt beschallte.


Auszug aus dem Essay »Vaporwave – Kunst und Kritik im Technokapitalismus«, erschienen als Beitrag für den Symposiumsband »Newsflash Kunstkritik? Wie die digitale Vernetzung und Verbreitung von Kunst neue Herausforderungen an die Kritik stellt«

Hearing Rooms – Interview mit dem Künstlerkollektiv Korinsky

Alexander Roth 23. März 2018

Es geht um das Nichtsichtbare, das im Hörbaren Gestalt bekommt. Um Orte, die ihre Geschichte nur mittels eines Klangs erzählen können. Um die Interaktion von Raum- und Zeitstrukturen, von Materialität und Sinnlichkeit. Sound und Architektur. In synästhetischer Weise finden psychologische wie physiologische Aspekte verschiedener Wahrnehmungsvermögen zueinander und ermöglichen ein Erleben, das sich für das Neue öffnet, neue Blickwinkel ermöglicht, die immer zugleich auch eine akustische Dimension haben, also sozusagen Positionen des Hörens sind. Eine nicht gerade leicht greifbare Thematik also, die im Zentrum der konzeptionellen Matrix steht, die im Atelier Korinsky verhandelt wird, und die sich in der künstlerischen Praxis den Sinnen doch so unmittelbar erschließt.


Auszug aus dem Interview »Hearing Rooms« mit dem Künstlerkollektiv Korinsky, erschienen in LÜCKE – Kunstblog zwischen Flut und Wagnis.

Die morschen Grenzbäume zwischen den Künsten

Alexander Roth 28. September 2017

Das Überschreiten von Gattungsgrenzen, das Spiel mit den Medien, das Brechen mit Erwartungshaltungen – all das scheint heute zum Westentaschen-Inventar eines zeitgemäßen Kunstschaffens zu gehören. Doch worum geht es dabei eigentlich? Um das Abhaken eines lehrbuchhaften Kriterien-Katalogs subjektiver Ästhetik? Um selbstoptimierendes, subjektivistisches Avantgardegebaren? Oder doch um die Darstellung einer objektiveren Wahrheit? Die Arbeiten von Benjamin Zuber (*1982) entlarven solche kategorialen Fragen als theorietypisch und zeigen, dass sich die Logik der künstlerischen Sprache nie so gefügig, registertreu und kommensurabel gestaltet, wie die (traditionelle) Kritik das gerne hätte.


Auszug aus dem Interview »Die morschen Grenzbäume zwischen den Künsten« mit Benjamin Zuber, erschienen in LÜCKE – Kunstblog zwischen Flut und Wagnis

Rezension zu »Endlich Krank« von Kala Brisella

Alexander Roth 29. Mai 2017

Wenn der Weg in das Innere zum Desaster wird, gilt es einen kühlen Kopf zu bewahren, die letzten Reserven Rationalität zu mobilisieren und mutig das Unvermeidliche zu konstatieren. Dass Krankheit ein Weg sein kann, das ist sicherlich keine sonderlich neue Erkenntnis. Blumfeld besangen sie, zahlreiche Hochglanz-Health-Ratgeber stimmen unisono mit ein. In den tiefsten Tiefen der Krise wartet in einem dunklen Grund immer noch ein Ich, das es aufzubauen gilt, das in Trost zu betten ist. Was passiert aber, wenn auch dieser Weg verbaut ist? Verstellt wird durch eine Unmöglichkeit, sich selbst zu finden, zwischen all den Ich-Surrogaten, schillernden YouTube-Kanälen und pseudo-euphorischen Facebook-Posts?


Auszug aus der Rezension »Kala Brisella: Endlich Krank«, erschienen in Dafkinist. Elektronisches Journal für Klang, Kultur und Theorie

Im Gespräch mit DJ Dingo Susi alias Benjamin Wild

Alexander Roth 11. März 2017

Und wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein DJ her: Benjamin Wild hat die Figur des einsamen Plattenlegers in sein Herz geschlossen – ohne selbst einer zu sein, denn hinter dem Pseudonym DJ DIngo Susi verbirgt sich eigentlich eine ganze Band – die am Ende doch wieder nur Benni selbst ist. Das Interview gibt Einblick in das Zentrum seiner wunderbar weirden Lo-Fi-Pop-Galaxie.


Auszug aus dem Interview »Im Gespräch mit: DJ Dingo Susi alias Benjamin Wild«, erschienen in The Chop und Dafkinist. Elektronisches  Journal für Klang, Kultur und Theorie

Wie viel Romantik steckt in Post-Internet-Art und Vaporwave?

Alexander Roth 13. Januar 2017

Mit etwas spekulativer Chuzpe und mit etwas mehr zeitlichem Abstand zum Phänomen wäre ich geneigt zu sagen, dass Schlegel solche gegenwärtige Phänomene der Post-Internet-Art wie Vaporwave oder DIS mit gesteigerter Aufmerksamkeit verfolgt hätte. Er hätte womöglich Potenziale gewittert, den großen Ausbruchsplan der Kunst, den die Romantik vorbereitete und der dann von späteren Kunstbewegungen wie beispielsweise dem Dadaismus weitergesponnen wurde, schlussendlich zu realisieren. Wenn die Post-Internet-Art von der Romantik lernt, wenn sie vielleicht selbst zu so etwas wie einer im philosophischen Sinne neo-romantischen Kunst wird, hat sie die Chance, emanzipatorische Ideen zu entwickeln – Ideen, die institutionellen, an Deutungshoheit respektive Machterhalt interessierten Vertretern der […] Kunstfachdisziplinen schon zu Zeiten der Romantik suspekt sein mussten und ihnen auch noch heute Unbehagen bereiten. Unverblümt ausgedrückt:

Die Territorial Pissings der kunstrichtenden Institutionen riechen nach Angst.


Auszug aus dem Essay »Der große Ausbruchsplan – Wie viel Romantik steckt in Post-Internet-Art und Vaporwave?«, veröffentlicht in LÜCKE – Kunstblog zwischen Flut und Wagnis

Das Dynamische der Erkenntnis. Goethe, Schopenhauer und die Anfänge der Lebensphilosophie

Alexander Roth 10. Dezember 2016

In Frankreich beispielsweise war es Henri Bergson, der mit seiner Konzeption des élan vital eine Metaphysik des Lebens entwickelt, die starke Parallelen zur Willensmetaphysik Schopenhauers aufweist. In der Philosophie Bergsons sind Momente einer philosophischen Psychologie des Erlebens mit erkenntnistheoretischen Aspekten verbunden; dabei spielt ähnlich wie bei Schopenhauer die Intuition eine entscheidende Rolle: Sie dient mir als eine Art introspektive Selbsterfahrungstechnik, mit Hilfe derer ich lernen kann, wie die Natur in mir wirkt. Im Zuge dessen kann ich auch die schöpferische Kraft – Schöpfung ist ein zentraler Begriff, der bei Bergson sowohl theologische als auch kunstphilosophische Züge hat – in mir erleben. Auf diese Weise kann es mir schließlich gelingen, das schöpferische Wesen, das dem Leben im Allgemeinen innewohnt, in Erfahrung zu bringen.


Auszug aus dem Aufsatz »Das Dynamische der Erkenntnis. Goethe, Schopenhauer und die Anfänge der Lebensphilosophie«, erschienen in »Schopenhauer und Goethe: Biographische und philosophische Perspektiven«

Musik und Erinnerung

Alexander Roth 14. Oktober 2016

Gipsy Kings – das ist dieses diffus mittelmeerische Lebensgefühl, dieser in Noten umgesetzte, anthropomorphe Sehnsuchtsort, der mich mit folkloristischen Erinnerungsködern kindlichen Glückes in eine als heil empfundene Zeit zurückzuziehen versucht. Dabei war diese Vergangenheit in Wirklichkeit alles andere als intakt; in einer weltgeschichtlichen Epoche, in der allerorten politische Anspannung vorherrschte, lieferten die Gipsy Kings den Soundtrack für den gepflegten westdeutschen Familienurlaubs-Eskapismus. Seine Dreifaltigkeit: Sonnencreme, Baila Me und Schwimmbanane.


Auszug aus der Kurzgeschichte »Musik und Erinnerung«, erschienen in The Chop

Rezension zu »Four Organs and Phase Patterns« von Steve Reich

Alexander Roth 10. Juni 2016

Der Loop fungiert als Aufwiegler, seine Psychotechnik ist die des Aufschubs, der Vertröstung. Er steigert die Erwartung, die Anspannung und die Hoffnung der Rezipienten bis ins Unermessliche. Ein Ausstieg ist nicht möglich, der Zug hält nicht an – um eine Metapher im Sinne der Thematik von »Four Organs« und »Different Trains« zu wählen. Als musikalische Reisende haben wir exakt zwei Möglichkeiten. Möglichkeit eins: Wir ertragen das Unerträgliche und lassen uns auf die Reise ein, sehen sie als Herausforderung, stellen uns unserem unglücklichen Bewusstsein und fahren geduldig bis zum Ende mit. Möglichkeit zwei: Wir springen ab. Dann jedoch beraubten wir uns einer womöglich wunderbaren Erfahrung. Uns entgingen die positiven Aspekte der Tort(o)ur: Die Momente, in denen wir etwas über uns selbst lernen, in denen wir unser Unbehagen transzendieren. In diesen Momenten funktioniert der Loop als Trancepraktik; die steten Repetitionen, der vorwärtstreibende, unnachgiebige Rhythmus, die Aufschichtung der Bewusstseinsinhalte – all das macht »Four Organs/ Phase Patterns« zu einem zeitentbundenen, quasischamanistischen musikalischen Ritual und Steve Reich zum unsterblichen Zeremonienmeister der Minimal Music.


Auszug aus der Rezension »Steve Reich; Four Organs and Phase Patterns«, erschienen in Dafkinist. Elektronisches Journal für Klang, Kultur und Theorie

Über Musik schreiben

Alexander Roth 10. Mai 2016

Der Komponist Aaron Copland war zweifelsohne ein Mensch mit außergewöhnlicher musikalischer Begabung. In anderer Hinsicht jedoch war er ohne Zweifel ganz gewöhnlich menschlich: Er hatte Meinungen; Meinungen, die streitbar sind. So war er beispielsweise der Meinung, dass belesene Menschen – überspitzt gesagt – keine Ahnung von Musik haben: Wenn immer ein Literat ein oder zwei Wörter über Musik verliert, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass eines davon falsch ist. Darüber lässt sich geteilter Meinung sein. Wenn Tocotronic zurecht geltend machen, dass es gar nicht so leicht ist, Musik zu machen, so sei doch allen Schreibenden zugestanden: Es ist auch gar nicht so leicht, über Musik zu schreiben.


Auszug aus dem Essay »Über Musik schreiben«, erschienen in The Chop

Kunst und Sprach in Zeiten der Krise. Eine kleine Theorie-Utopie

Alexander Roth 23. März 2016

In Zeiten der realen Krise ist es mitunter zu beobachten, dass das Leid direkt proportional zur Mitleidlosigkeit in der Sprache ansteigt. Kunst kann sich dieses Leidens sorgend annehmen, bedarf jedoch wiederum der Interpretation, der Kritik, des Diskurses, der Theorie, letztlich also der Sprache, um es zu kommunizieren. Was aber, wenn die Sprache – populär wie intellektuell – auf mehreren Ebenen vergiftet ist? Wenn weder Kunst-, noch Kultur- oder Gesellschaftstheorie in der Lage ist, dieses Leiden zu vernehmen? Oder schlimmer: sich der Annahme bewusst entzieht? In Zeiten wie dieser bedarf es einer gänzlich neuen Form der Theorie. Eine Form, die sich gegenwärtig nur in Umrissen, als Theorie-Utopie zeigen kann.


Auszug aus dem Essay »Kunst und Sprache in Zeiten der Krise. Eine kleine Theorie-Utopie«, erschienen in Dafkinist. Elektronisches Journal für Klang, Kultur und Theorie

Rezension zu »Extra Painful« von Yo La Tengo

Alexander Roth 31. Dezember 2014

Die kategoriale Andersartigkeit der Yo La Tengoschen Erwartungshaltung verwehrt sich gegen eine metaphysische Interpretation im messianistischen Stile. Bei Yo La Tengo hat die Erlösung schon stattgefunden. Jedoch nicht in einer christlich-dialektischen Weise einer auf das Transzendentale hin ausgerichteten Sinnsynthese, sondern im unmittelbaren, gegenwärtigen, dissidenten Dasein im Pop. Die Gegensätzlichkeit, das Unvollendete, das Defizitäre wird hier nicht aufgehoben, nicht sublimiert. Es wird gelebt und gefeiert. Im Pop darf es bestehen, dieses ehrlich gemeinte, nicht auf Understatement hinauslaufende „Ich habe eigentlich keine Ahnung“.


Auszug aus der Rezension »Yo La Tengo: Extra Painful«, erschienen in Dafkinist. Elektronisches Journal für Klang, Kultur und Theorie

Slowcore. Für eine Chronopolitologie des Populären

Alexander Roth 10. November 2014

Virilios Einsicht in die Überlappung unserer Zeitwahrnehmungen macht uns verständlich, warum es zu kurz greift, die Slowcore-Bewegung als so etwas wie eine homöopathische Medikation für kränkelnde Akteure einer telekommunikativ globalisierten „High-Speed Society“ verstehen zu wollen. Versucht man, Slowcore auf einen solchen therapeutischen Effekt festzulegen, leistet man dieser musikalischen Bewegung einen Bärendienst. Versucht man, im Slowcore eine Oase von erholsamer Zeitlosigkeit zu finden, wird man sich in einer Fata Morgana verlaufen, an deren Ende Silbermond stehen und im Dauerloop über die „schnelle Zeit“ larmoyieren. Versteht man auf diese Weise Slowcore sozusagen als musikalische Wellnessbehandlung, zieht man dem Genre, ja vielleicht sogar Musik als Kunstform im Allgemeinen die epistemologischen Zähne. Was Slowcore auszeichnet, ist vielmehr eine Fähigkeit, im Medium der Musik eine Art – um einem Begriff aus der Philosophie Walter Benjamins einen neuen Kontext zu geben – dialektisches Bild zu entwerfen, das uns das Verschobene unseres Verhältnisses zur Zeit vor Augen führen kann; und mehr noch, das uns die temporale Konfusion, die Virilio auch als „Anamorphose der Zeitlichkeit“ bezeichnet, körperlich spürbar machen kann.


Auszug aus dem Essay »Slowcore. Für eine Chronopolitologie des Populären«, erschienen in Dafkinist. Elektronisches Journal für Klang, Kultur und Theorie

Kurzprosa zu »Close To The Glass« von The Notwist

Alexander Roth 2. März 2014

Zugfahrten wie diese binden mich in einen angenehmen Automatismus ein. Für sieben Stunden lang ein Selbstläufer. Als ein Teil des Bewegungsflusses gebe ich mich ganz der Gewissheit hin, dass die Schale mich bettet, trägt und liebevoll transportiert. Die mechanische Arbeit, die dabei rüde an mir wirkt, will ich nicht wahrnehmen. Vielleicht besser: sie verdampft in einem zumeist regelmäßigen und sonoren Pochen, in einer verheißungsvollen Monotonie, die hier und da von technischen Signalen unterbrochen wird. Sie wirken auf mich wie konstitutive Störungen in einem Großen und Ganzen. Wohliges Unbehagen. Stupide existenzielle Gedanken in einem viel zu unbequemen Sitz mit viel zu muffigem Muster. Ich denke nach über Hermetik und die Unmöglichkeiten geschlossener Zugabteile. Ich denke auch an dich und daran, dass wir keinen Raum für uns finden können.


Auszug aus der literarischen Rezension »The Notwist: Close To The Glass«, erschienen in Dafkinist. Elektronisches Journal für Klang, Kultur und Theorie

Neues vom Ende der Kunst? Zur Aktualität des Verhältnisses von Philosophie und Kunst anhand von Paul Ryans »Threeing« auf der dOCUMENTA (13)

Alexander Roth 22. Dezember 2013

Was Kunst aus philosophischer Perspektive so besonders macht, ist das Phänomen, dass mit ihr eine spezifische Form von Verstehenspraxis einhergeht. Kunst vermag es, unsere durch alltägliche Erfahrungen in bestimmten Mustern strukturierte Wahrnehmung zu hinterfragen und uns auf diese Weise sozusagen zu denken zu geben. Die in diesem Sinne unkonventionellen und unbegrifflichen Denkimpulse, die das Interpretationsinteresse der mit Begriffen arbeitenden Philosophie anregen, kann Kunst aber nur geben, solange sie noch nicht gänzlich selbst Philosophie geworden ist, solange sie noch eine Art nicht-diskursives Anderes für die Philosophie sein kann. Hat Kunst im Falle einer Aufgabe dieses Andersseins ihr Ende erreicht? Und wenn ja, wäre dies dann als ein gutes oder böses Ende für Kunst zu verstehen?


Auszug aus dem Essay »Neues vom Ende der Kunst? Zur Aktualität des Verhältnisses von Philosophie und Kunst anhand von Paul Ryans »Threeing« auf der dOCUMENTA (13)«, erschienen in CRITICA–Zeitschrift für Philosophie und Kunsttheorie

Rezension zu »Psychic« von Darkside

Alexander Roth 18. November 2013

In einem archaisch mit Edelmetall ausstaffierten Fahrstuhl, der die Aufschrift »Golden Arrow« trägt, schießen wir pfeilschnell hinunter in den Stollen. Wir stoßen durch etliche Schichten Bewusstseinserde. Irgendein Metallteil an der Außenseite des Fahrstuhls scheint lose zu sein, es schlägt einen strengen, kalten Beat an die Stollenwand. Ein Rhythmus der Tiefenmeter, der sich im Raum ausdehnt wie die Zeit, die als endlos empfinden wird, obwohl es doch nur einen kurzen Augenblick lang dauert, bis die dunkel gekleidete Reisegruppe schließlich an ihrem Bestimmungsort angelangt ist. Natürlich ist es finster und nasskalt hier unten. Natürlich bringt diese Dunkelheit und Stille uns in eine Situation, in der wir schmerzlich mit uns selbst konfrontiert sind. Natürlich tut es uns weh, über den felsigen Boden zu laufen, barfuß und innenrum entblößt. Doch es gibt Hoffnung auf Hoffnung. Davon lebt Musik als Utopie. Ist dieses Prinzip Hoffnung auch noch so illusionär und doppelbödig, es wirkt beruhigend auf uns, dort unten in der Tropfsteinhöhle des dark minimals. Darkside streuen diese Hoffnungsfunken bewusst. Sparsam, bedacht, in kleinen Dosen, die kurzzeitig den Schmerz zu lindern wissen, aber letztendlich doch nur Zerrbilder von Heilung vermitteln.


Auszug aus der Rezension »Darkside: Psychic«, erschienen in Dafkinist. Elektronisches Journal für Klang, Kultur und Theorie

Rezension zu »Walking On A Pretty Daze« von Kurt Veil

Alexander Roth 24. April 2013

Kurt Viles künstlerische Konzeption lebt vielmehr von der Fragilität und den bis ins Destruktive gekehrten Selbstzweifel des Grunge. Was dies betrifft, lassen sich am ehesten Parallelen zu einem anderen der Grands Hommes des Folk-Rocks ziehen. Neil Young – nicht zufällig wurde er bisweilen als „Godfather of Grunge“ gehandelt – war wahrscheinlich derjenige, welcher nicht nur mit den musikalischen Dogmen, sondern auch mit den Image-Konventionen des Genres am mutigsten brach. Young gab nie den extrovertierten Outlaw, der sich wie ein Aufmerksamkeitskreisel um sich selbst dreht. Bei Young darf Einsamkeit auch wirklich einsam, das heißt bei sich bleiben und muss nicht in großspuriges Draufgängertum überführt und nach außen getragen werden. In dieser Beziehung ist Kurt Vile vielleicht als einer seiner jüngsten und gelehrigsten ideologischen Ziehsöhne anzusehen.


Auszug aus der Rezension »Kurt Vile: Walking On A Pretty Daze«, erschienen in Dafkinist. Elektronisches Journal für Klang, Kultur und Theorie

Vilém Flusser und Südtirol: Kulturphilosophie zwischen Berg und Tal

Alexander Roth 14. Juli 2010

Mit jedem neuen Medium, das wir zwischen uns und die Welt stellen, steigt auch der Grad der Entfremdung, verlieren wir mehr Bezug zu der Welt hinter dem Apparat. Der einzige Ausweg aus diesem technologischen Entfremdungsprozess ist für Flusser der Dialog, ein Netzwerk unter Freunden, das echte, unvermittelte Kommunikation möglich macht.


Auszug aus dem Aufsatz »Vilém Flusser und Südtirol: Kulturphilosophie zwischen Berg und Tal«, erschienen in Zibaldone. Zeitschrift für italienische Kultur der Gegenwart